Indien 1/94


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Allgemeines


Warum?

Nach dem Powerstudium, in dem keine Zeit für Urlaub blieb, habe ich Verlangen eine außergewöhnliche Reise nachzuholen. Ich war schon gut rumgekommen in Europa, z:B. mit 17 per Rucksack in die Türkei (also Asien ab Istanbul ;-), aber jetzt wollen wir weiter.


Wohin?

Asien war uns am fremdesten, war also das interessanteste Grobziel. Aber wohin nun genau? Uns blieb wenig Zeit zur Vorbereitung, also schien China für eine selbstorganisierte Reise auszuscheiden (die Kommunisten geben nicht allzu leicht eine Erlaubnis für freies Reisen). Indien übte einen gleichgroßen Reiz aus, also war es eine einfache Entscheidung. Heute sehen wir eine ganze Menge anderer interessanter Ziele: Kambodscha, Vietnam, Thailand, ...


Reisezeit? Reisedauer?

Tja, Zeit hatten wir keine. Also wurden es nur 2 Wochen. Irgendwie passte es am besten im Januar, es war mir manchmal etwas zu kühl.


Kosten? Tauschkurse?

Finanziell gab´s keine Probleme (zumindest im Vergleich zum Budget der Studienzeit), ich konnte sogar meiner noch studierenden Freundin einiges dazuschenken. Wir haben kaum mehr Geld gebraucht als die ca. 1500,- DM für den Flug und 300,- für die Bahntickets! Die täglichen Kosten lagen weit unter dem was in Deutschland anfällt:

Der Umtaschkurs damals: 17,80 Rs (Rupees/Rupien)=1 DM, 31 Rs=1 $, Aktuelles s. www.oanda.com


Verkehrsmittel: Wie reisen?

Wir sind nach Dehli geflogen und von Bombay zurück (Gabelflug). Wir haben die Lufthansa genommen (1.500,-DM), billiger war uns nach dem Unglück der Usbekistan Air in Dehli zu risikoreich...


Die Strecke Dehli/Bombay sind wir mit einigen Abstechern mit dem Zug gefahren. Dazu haben wir vorher in Frankfurt im indischen Eisenbahn-/Verkehrsbüro (auf der Kaiserstr. Nr. ca. 50, vom Bahnhof links...) für je ungefähr 300,- DM eine Monatskarte für die erste Klasse „gelöst“. Spannend fand ich den Verkäufer, der mir für jede Strecke aus dem Kopf die Abfahrts- und Ankunftszeiten aufsagte. Ich hielt das zunächst in doppelter Sicht für unglaubwürdig, nicht nur in Bezug auf sein Merkvermögen, sondern auch in Bezug auf die Pünktlichkeit der Züge. Ich habe mich mehrfach getäuscht:

Wir sind viele Strecken nachts gefahren, weil wir so Hotelkosten und Zeit (die meisten Züge fahren mit einem Schnitt von nur 30 bis 40 km/h!) sparen konnten.


Die Wagen erster Klasse „Indien“ liegen deutlich unter der zweiten Klasse „Deutschland“, aber es ist trotz allem ein komfortables Reisen.


Für die Liegewagen sollte man sich im Winter eine Decke mitbringen, sie lässt sich aber auch sehr günstig (10,- DM) vor Ort in einem Laden erstehen.


Wir haben nicht alles im voraus reserviert und sind dann zu den Schaltern gegangen, um eine Reservierung vorzunehmen. Als Tourist, Frau oder Behinderter wird übrigens man am Bahnschalter vom letzten Platz der noch so langen Schlange nach vorn gewunken. Eine sehr touristenfreundliche Gesetzgebung, es dauert nämlich trotzdem noch eine Ewigkeit, nicht auszudenken, man bliebe am Ende der Schlange...


In den Zügen bekommt man auch zu Essen und das geht sehr pfiffig vonstatten:

Es wird zunächst abgefragt, wer was möchte.

An der nächsten Station steigt der Abfrager aus und telegrafiert oder telefoniert die Bestellung zur übernächsten Station, wo

Voila das Essen eingeladen wird.


In den Städten haben wir Threewheelers gemietet (wendige, kleine, überdachte Motorrikscha mit Platz für 2 Fahrgäste, 9,- am Tag). Selbst wir als gestandene Motorradfahrer werden manchesmal blass im Gesicht, wenn sich der Fahrer im Verkehrsgewusel abrupt für einen Richtungswechsel entscheidet (Wendekreis = 2 bis 3 Meter!) und mal eben vor einem entgegenkommenden LKW langdüst.


Mit dem Motorrad haben wir in Indien weniger Ambitionen, es geht uns zu chaotisch zu. Wer auf Oldtimer steht, findet sicherlich manche Enfield Bullet, das ehemals englische Modell entsteht scheinbar unverändert in einer seinerzeit an die Inder verkauften (und umgezogenen) Fertigung. Die 500ccm reichen für Indien ;-)


Im Programm waren auch Taxi, Jeep, Bus und Kamel. Nur zum Elefantenritt sind wir leider nicht gekommen.


Vieles geht man natürlich zu Fuß und Wir haben die Rucksäcke meist im Hotel geparkt, manchmal das Zimmer nur für diesen Zweck gemietet.


Inlandsflüge kosten auch nicht die Welt, es gibt auch hier Paketangebote: to be done (einfach fragen).


Literatur?

Travellers world hatte ich mir gekauft, da es noch umfangreicher war als der andere Klassiker lonely planet. Außerdem ist es gebunden und somit haltbarer. Es war eine sehr ergiebige Quelle und eine Möglichkeit mein Englisch zu verbessern, doch benötigt man die vielen Infos zu Hotels nicht, man findet auch so genug Möglichkeiten und wir haben uns die Unterkünfte immer erst in Ruhe zeigen lassen, um den Preis zu verhandeln und das beste Zimmer auszuwählen. Neuerdings tendiere ich zu billigen Minireiseführern (gut finde ich z.B. Marco Polo: genug Infos für 2-4 Wochen, sehr handlich (passt in die Hosentasche) und beinhaltet sogar ausreichend gute Karten.


Gesundheit?

Impfungen haben wir einige über uns ergehen lassen, Nebenwirkungen gab´s keine bei Cholera, Hepatitis A und ...

Dafür ist mir die Malariaprophylaxe ziemlich auf die Kondition geschlagen. Außerdem habe ich eine Erkältung mitgebracht und bin sie erst spät losgeworden, da es oft zugig war, der Smog mir Probleme bereitete und auch der Streß nicht gerade heilsam war.


Sicherheit

Überfälle sind fast nirgends zu befürchten und wer sich beim Handeln über´s Ohr hauen lässt, hat meist günstig dazugelernt. Diebstähle sind uns nicht vorgekommen, gewarnt wurde nur vor anderen Backpackern. Konkretes haben wir hier aber nicht gehört.


Ausrüstung?

Jeweils ein Rucksack (beide geliehen), nur eine alter Schlafsack (und daher vor Ort eine Decke dazu gekauft), ein warmer Pulli war neben der Windjacke ausreihend. Moskitonetz! Eventuell ein Innenzelt, dann kann auch von unten nix krabbeln...

Generell gilt meiner Meinung nach: Weniger ist mehr, was an Alltäglichem fehlt (z.B. Kleidung, Aspirin, Decke), kann meist günstiger vor Ort erstanden werden und hat dann noch einen indischen Touch.


Flora und Fauna?

Flora fehlt noch, Fauna: Bären, Kamele, Streifnhörnchen, Bienen, Grünpapageien, Esel, Pferde, Schweine, Kühe (weiße hagere Langhörner und normale schwarze), Resusaffen, Geier, Spatzen, Ziegen, Nachtigalverwandte, Raubvögel, Kakerlaken und Moskitos, Ameisen, Fliegen, Fledermäuse, Krebse, Eidechsen, eine Kobra, Elephanten, Ibisse, Ratten, Katzen, Hunde, Grillen, Wasserläufer, Kollibris, Störche Pelikane, Tiger...


Der Bericht


2.1.1994: Neu Dehli


Im Flieger werden wir gefragt „Indish or Continental?“ Begeistert wählen wir „Indish“ und probieren erstmals unbekannte Speisen.


In Dehli landen wir mitten in der Nacht. Der Flug hat uns geschafft, wir haben extra das Hotel „Godhi“ vorgebucht (der Mann im indischen Reisebüro rümpfte die Nase) und hoffen schnell in die Horizontale zu kommen. Doch daraus wird so schnell nix.


Der Smog haut uns fast um, wir werden von vielen vielen Taxi-Fahrern (die Strecke ist für Threewheeler zu weit) belagert. Wir wählen eins, erklären das Ziel, los geht´s.


Nach einer langen halben Stunde kommen wir an einem relativ neuen Hotel an, das aber den Hotelgutschein nicht annimmt, wir sind am falschen Hotel! Der Fahrer sieht sich unschuldig, wir erkennen, dass wir ihn brauchen um weiterzukommen, also zahlen wir erneut.


Nach einer mindestens genauso langen Fahrt kommen wir am richtigen Hotel an, es war vielleicht mal eine bessere Adresse, aber das ist lang her. Erst auf dem Zimmer stellen wir den ganzen Umfang des Grauens fest: Überall gucken vielbeinige Zimmergenossen der Gattung Kakerlack in allen Größen hervor. Uns ekelt es, aber wir sind um 4.00 Uhr zu fertig, um wieder aufzubrechen. Jetzt verstehen wir den Widerwillen des Fahrers (und des Mannes aus dem Reisebüro), sein Hotel wäre viel besser gewesen...


Elke bemerkt erfreulicherweise, die Kakerlaken in Kalifornien seien größer, aber wir stellen später fest, dass das nur ein kleines Begrüßungskomitee war.


Wir klemmen das am Ventilator aufgehängte Moskitonetz unter das wenigstens saubere Laken, hängen die fest verzurrten Rucksäcke auf und fallen in der kleinen heilen Welt in Tiefschlaf.


Am nächsten Morgen verlassen wir das Loch fluchtartig. Es war das schlechteste und teuerste (850 Rs oder 50 DM?) Etablissement der ganzen Reise!


Der Fahrer des Threewheelers will 100 statt der im Hotel empfohlenen 15 Rupien. Bei 45 greift er beleidigt zu. Wieder setzt er uns zunächst an einem anderen als dem gewünschten Hotel ab...


In der Nähe der City finden wir eine passable Unterkunft (Asian Guest House, 325Rs)...


Wir geraten gleich an die ersten, die uns betuppen wollen: Ein Schuhputzerjunge bemerkt den miserablen Zustand von Elkes Schuh, die Sohle ist entzwei, war uns nicht aufgefallen. Nein, wir wollen keine Reparatur. Nun zeigt er auf den widerwärtigen Dreck auf ihrem Schuh (ich weiß nicht wie, aber dass er ihn selbst draufgetan hat!). Bevor wir uns versehen putzt er den Schuh. Nun hat Elke nur noch einen Wildlederschuh, der andere glänzt. Umgerechnet 6 DM will er nun auch noch dafür haben...


Es ist alles etwas arg, wir suchen Zuflucht bei Wimpy´s und habe heimatliche Gefühle bei Lambburger, Cola und etwas Pizza-ähnlichem.


Obwohl es Sonntag ist, werden wir auf dem Chandni Chowk (Haupteinkaufsstrasse) fast totgetrampelt und –gefahren. Aber wir „müssen“ ja auch zu Fuß zum Roten Fort. Auf dem Weg verlaufen wir uns zigfach und werden wir überall angestarrt. Im Fort erholen wir uns: keine Taxifahrer, keine Bettler, Militär und Sonne. Eine Tasse Tee, später Essen bei „Nirula“.


Verdammt: Mich hat der erste Moskito erwischt – am helllichten Tag. Naja, wir schlucken ja eifrig Prophylaxe...


3.1.94 noch Neu Dehli


Soo lange haben wir ewig nicht geschlafen. Im neuen Zimmer stinkt es nicht, es ist relativ leise und die hoffentlich einzige Kakerlake (wer´s glaubt) hat nicht lang gelebt. Wir verzichten auf die Stadtrundfahrt zugunsten des Zoos. Dort überrascht uns zunächst die große Anzahl scheinbar freiwillig vorhandener Störche und Pelikane. Überall turnen süße Streifenhörnchen umher – bald mehr als Spatzen bei uns...


Ab und zu ist ein Mungo zu sehen.


Der Zoo ist riesig, die Tiere haben mehr Auslauf, dafür sind weniger zu sehen als in deutschen Zoos.


Schön finde ich die Ruine Purana Quila, die den Zoo gen Norden abgrenzt.


Nicht so schön finde ich, dass wir, als wir uns zu einem Päuschen auf dem Rasen niederlassen nach wenigen Minuten im Abstand von vielleicht zehn Metern von einem Ring „zufällig“ vorbeigekommener indischer Zoobesucher umgeben sind. Wir sind als Außerirdische eben eine größere Attraktion als die nur hier und in Las Vegas vorkommenden weißen Tiger. Nur als der Löwe brüllt verschwinden einige.


Elke nerven die Bettler, Gaffer und Händler. Ich finde es teilweise amüsant, ignoriere ansonsten. Ist nur schade, dass wir auf diese genervte bzw. arrogant/snobistische Weise kaum Kontakte bekommen werden.


5.1.94: Agra


Der Eilzug namens Shatakti Express verdient seinen Namen zumindest in Indien, da er die 200 km von Neu Dehli nach Agra in nur 2 Stunden bewältigt. Leider viel zu schnell, wir sind noch müde, aber schon fallen die Threewheeler-Fahrer noch schlimmer als bisher über uns her. Wir fahren zum bisher besten Hotel Amar Palace (650 Rs) und starten nach einer Ruhepause zum Taj Mahal. Über das haben schon Viele Worte verloren. Ich nun also auch: Einfach toll, eine tolle Story, phantastische Einlegearbeiten im Marmor. Wir haben einen ruhigen Vormittag dort verbracht, der uns mit vielem wieder aussöhnte. Photos: ...


Der Threewheeler-Fahrer hat auf uns gewartet und fährt mit uns zuerst zu einer Teppichmanufaktur und dann zu einem Shop, der die steinernen Einlegearbeiten á la Taj Mahal vermarktet. Es sitzt auch ein Handwerker im Laden, der mit minimalem Werkzeug (Bogen als Antrieb für den Schleifstein) die Steine einpasst.

Zuletzt steht noch ein Schmuckladen auf dem Programm. Wir vermuten, dass es Provision für getätigte Einkäufe gibt, oder der Threewheeler gar vom Handel finanziert ist. Gefragt haben wir leider nicht danach. Gekauft haben wir nur ein kleines hölzernes Reiseschachspiel und einen Schal, wir haben nun beide eine Erkältung.


Die Schmuckhändler laden uns zum Frühstück am nächsten Morgen. Wir sagen zu, aber ich „rieche“, dass wieder etwas faul ist.


Schön, dass wir auch am Agra Fort waren. Von hier wirkt das Taj Mahal noch majestätischer. Das wird vielleicht seinen Erbauer getröstet haben, den sein Sohn hier bis an sein Lebensende gefangen hielt.


Sehr geschickt unterhalten sich unsere Gegenüber dann am Morgen lange mit uns über alle möglichen Themen, ich bin baff über die Kenntnis deutscher Literatur. Einer hat mehr Schiller, Kant, Goethe etc. studiert, als ich jemals lesen werde...


Arglos probiere ich das indische Frühstück. Besonders gelungen ist der Yoghurt, der zu den ausgebackenen Teigwaren gereicht wird.


Nach langem Hin und Her wird sehr geschickt der Vorschlag an uns herangetragen, dass wir ein Paket an uns selbst aufgeben und in Deutschland an einen Unbekannten weitergeben sollen. Wir fragen nach dem Inhalt: „Edelsteine“, natürlich erhielten wir bei Ablieferung eine ordentliche Beteiligung (ich glaube 500,- DM oder so). Zumindest ich bin jetzt nicht mehr arglos, gehe aber zum Schein auf das Angebot ein („Wir wollen nur noch was erledigen...“), um nicht diskutieren zu müssen. Wir suchen das Weite und ich erkläre meine Ängste: Mindestens ist da das Risiko beim Schmuggel ertappt zu werden. Zollgebühren wären ja noch harmlos, was aber wenn das Paket verloren geht und mich der Unbekannte wegen Unterschlagung angeht? Das dürfte kaum eine so freundliche Unterhaltung werden...


Und dann könnte mich ja auch gleich ein Polizist auf der Post mit einem Kilo Heroin abfangen...

Nein Danke, ich wollte noch ein paar Reisen machen und nicht in einem indischen Gefängnis verschimmeln.


Vielleicht bin ich übervorsichtig, eine Reisebekannte hat´s (s.u.) gemacht, wir haben aber keine Adresse und somit nie nachgefragt.


Wir nehmen ein Taxi um das 50 km entfernte Fatehpur Sikri zu besuchen. Diese Anlage hatte um 1600 der Fürst ... für seinen Hof anlegen lassen. Nach seinem Tod verlies man die Anlagen, da das Wasser zu knapp war. Deswegen ist die Anlage gut erhalten, nein ich untertreibe: sie ist phantasisch.


Bei mediterreanem Frühlingsklima mit wundervollem Blick auf die umgebenden grünen Hügel besichtigen wir die sehr offen angelegte Anlage die weitgehend aus rotem Sandstein erbaut wurde. Manche Geschichte weiss der unaufdringliche Guide zu erzählen:


Für die 100 km Taxifahrt durch schöne Landschaft zahlen wir 350 Rs.


Im Zug nach Jaipur treffen wir andere Reisende, die Engländer erscheinen uns angenehm snobistisch, sie haben damit eine vielleicht vererbte Möglichkeit sich so vor dem Unangenehmen zu schützen. Wir haben uns diesen Schutz erst am Ende der Reise antrainiert.


Ein Engländer ist trotzdem überfordert, das vorherige Nepaltrekking war wesentlich ruhiger. Er nickt ein, bekommt etwas wie einen epileptischen Anfall. Das Taj Mahal hat er in den Morgenstunden besucht und nicht richtig gesehen: „white building in white fog“.


Im Zug kann man Essen ordern, alle bestellen und zahlen, kaum einer rührt es an...


Nach nur 5 Stunden kommen wir an, wieder nicht ausgeruht...


6.1.94 Jaipur


Jaipur ist viel aufgeräumter, hat schönere Häuser. Es hat kaum Smog hier.


Von der wunderbaren Stadt und deren Sehenswürdigkeiten (Palast der Winde) bekomme ich zunächst nichts mit. In Südamerika nennt man es Montezumas Rache, hier ist es vielleicht angebracht von Shivas Rache zu reden. Jedenfalls fühle ich mich einen ganzen Tag dem Sterben nahe, Details über den Lebensmittelauswurf überlasse ich der Fantasie des geneigten Lesers...


Ich kann niemand um mich herum ertragen. Elke geht es auch nicht besonders, aber das Bett muß sie nicht hüten. Der sehr nette Taxifahrer namens Islam, der uns zum Hotel gebracht hatte, hatte sich als Reiseführer angeboten. So sieht sie sich den Markt an, macht eine Stadtrundfahrt, schliesslich gehen beide essen. Er macht Elke auf dem Dach bekannt mit zwei Mädchen, die sich auch im Hotel aufhalten, einer Österreicherin (die übrigens für 5000$ vermeintlichen Schmuck zur Post gebracht haben will – leider haben wir nicht erfahren, was d´raus geworden ist) und einer Französin.


Elke und die Österreicherin vereinbaren mit einem Masseur eine Ganzkörpermassage.


7.1.94 noch Jaipur


Am nächsten Tag bin ich erstaunlicherweise schon wieder relativ fit, habe sogar Hunger. Der verkorkste Verdauungstrakt lässt mich aber bis zum Ende der Reise eine immer größere Aversion gegen Schärfe und damit indisches Essen an und für sich aufbauen, ich ernähre mich zunehmend von Keksen und Mineralwasser. Wir verlieren beide übrigens 5 Kilo


Islam nimmt uns mit auf eine indische Doppelhochzeit. Es ist sehr interessant, die ganze Straße ist geschmückt, es sind unglaublich viele Menschen da. Eine Kapelle in Uniformen lärmt, da kommen Elefanten – bunt bemalt. Wir werden ins Brautzimmer geholt, ist mir unangenehm, dass ich als einziger Mann Zutritt bekomme und wir mehr Aufmerksamkeit erhalten als die Bräute selber. Die Bräutigame kommen auf Pferden, über und über behängt mit Blumen. Elke hängt Ihnen etwas Geld und einen Blumenkranz um, was gar nicht so einfach ist. Wir sehen noch den Standesbeamten, der sich inmitten eines Zeltes mit vielen Geschenken (Früchte...) befindet.


Wir gehen auf ein Dach, von wo wir das Ganze noch etwas aus der Distanz betrachten.


Elke befragt die Österreicherin nach dem Wie der erfolgten Massage und erhält als Antwort ein sehr betontes „GANZKÖRPER-Massage!“. Daraufhin habe ich Anwesenheitspflicht als Anstandswauwau.


Am 14.1. würde es ein Drachenfest geben, erzählt Islam, der ganze Himmel sei dann voller Drachen. Schon jetzt sehen wir manchen kleinen Drachen in den Stromleitungen.


Unser Taxi bringt uns mal wieder nicht an die gewünschte Adresse, so verpassen wir den Elefantenritt über schmale Grate zum ... Sehr ärgerlich.


Wir geniessen den Rest des schönen Wetters im Garten hinter dem Wasserschloß.


Genervt halten wir stur und trotzig unsere vorgeplanten Verbindungen ein, statt es uns in Jaipur noch etwas gemütlich zu machen. Allerdings wäre umbuchen auch aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen problematisch gewesen. Weiter geht´s also nach Jodhpur. 12 Stunden Zugfahrt.


Elke sieht mit ihrer Erkältung abgekämpft aus.


8.1.94 Jodhpur


Wir besichtigen das Mahrangarh Fort. Es liegt eindrucksvoll auf einem riesigen Sandsteinfelsen am Rande der Stadt. Die Felswände fallen steil ab, ich denke an Helgoland, das ich nur von Berichten kenne. Innen zeigt uns unser Führer tolle Räume der Maharani und des Maharadscha. Die Frauen durften auch hier alles sehen, aber selbst nicht gesehen werden. Der Führer zeigt auf eine große Truhe, und erklärt, dass die Herrscher sich und ihre Untertanen hieraus gut mit Opium versorgt haben. Wir bezweifeln das, worauf er in die Tasche greift und uns einen großen Brocken zunächst unter die Nase hält und dann anbietet. Wir lehnen ab, worauf er allein genießt. Er wird immer lustiger. Dass er sich dabei auf abscheulichste Weise reuspert, furzt, schnieft, rülpst erschreckt sogar den Holländer, der auch an der Führung teilnahm – trotz seiner 10 Wochen Indien J


Wir haben kein indisches Trinkgeld, geben einen Dollar, der mittlerweile völlig alberne Guide kriegt sich vor Freude nicht mehr ein („Oh – even a dollar!“) und wir finden es auch sehr witzig.


Wir haben einen imposanten Blick auf die Stadt mit ihren blauen Häusern, in der Ferne können wir den Chittar-Palast sehen.



9.1.94 noch Jodhpur


Wir lassen alles gemütlich angehen, kaufen zunächst für 300 Rupien zwei Tücher und eine Decke für den Zug, Spottpreise für uns. Ich gehe zum Friseur, werde etwas ruppig unter einem Baum, mitten auf der Straße „geschoren“, sehe aber sehr passabel aus. Es hat nur 5 Rupien gekostet. Wir fahren zum Chittar-Palast, der um 1920 von englischen Architekten im Jugendstil gebaute Maharadschapalast ist heutzutage eine Mischung aus Luxushotel und Museum. Wir haben Sehnsucht nach soviel (mit 180,00 US $ erschwinglichen) Luxus, und werden ihn vielleicht das nächste Mal genießen.


Im Mandore Garden bei Jodhpur mussten wir leider keinen Eintritt zahlen, so wurden wir wieder umringt, diesmal allerdings von Musikern. Sonst ist es ein sehr schöner Garten, mit vielen Blüten, alten Bauten, bunten Gottheiten, anderen Affen und neuen Vögeln.


Die indische Bürokratie ist übrigens unglaublich. Um in ein Hotel einzuchecken brauchen wir jeweils 15 Minuten.


Von Udaipur hat uns der Mann im Reisebüro abgeraten wir haben eh wenig Zeit also geht es weiter Richtung Wüste.


10.01.94 Jaiselmer


Zu Beginn der Nachtfahrt durch die grenznahe Wüste mahnt uns der Schaffner, nicht vor acht Uhr morgens bei Ankunft in Jaiselmer die Türen oder Fenster zu öffnen, da bei nächtlichen Stopps des Zuges Diebe versuchen, durch die Fenstergitter zu greifen um auf dem Tisch Liegendes zu klauen. Der Schaffner selbst steigt aus unserem Waggon aus, wir müssen hinter ihm verriegeln.Nachts sind tatsächlich Geräusche außen am Zug zu hören. Am nächsten Morgen klopft der Schaffner an die Tür und empfängt sein Trinkgeld.


Jaiselmer ist wunderschön, wir sind um 8.30 Uhr angekommen und nehmen ein Zimmer (um 100 Rupien) um unser Gepäck unterzubringen und zu duschen. Aufgrund der vielen Mücken bitten wir das Hotelpersonal etwas dagegen zu tun, mit dem Ergebnis, dass wir mehrere Stunden unser Zimmer nicht betreten können, ohne uns einer Vergiftungsgefahr auszusetzen. Vielleicht gibt´s hier noch DDT?


Wir frühstücken auf dem Hoteldach und machen dann eine Stadtbesichtigung. Unterwegs lässt ein kleiner Junge nicht locker, so dass wir unfreiwillig einen Führer haben. Der Junge bringt uns in das Haus seiner Verwandten, erzählt uns eine Geschichte von der Flucht der Familie aus Kaschmir und versucht erfolgreich uns Handwerkskunst zu verkaufen. Als uns die Händler mir Seidenstoffe zeigen, überlege ich mir ein Hemd schneidern zu lassen. Wegen der kurzen Zeit (ca. 5 Stunden bis der Zug geht) scheint mir dies nicht möglich. Aber man versichert mir das Gegenteil. Ich zahle ca. 15,- DM und lasse das Hemd da, das ich anhabe.


Wir machen uns auf den Weg zu einer Jeeptour, die wir lange verhandelt haben. Wir kommen zu recht leeren Dörfern und Tempeln inmitten der Wüste. Teilweise gibt es Oasenähnliches. Die Kinder in den Dörfern umringen uns und wir sind um ein paar Filmdosen und eine Haarspange ärmer – wir sind nicht bösartig genug für einen Tauschhandel.


Beeindruckend und ganz anders als das übervolle Indien, das wir bis jetzt gesehen haben. Übervoll ist nur der indische Jeep: wir zwei Touristen und vier Guides.


Interessant ist der Tempel, in dem eine schwarze Cobra verehrt wird. Folgerichtig hat die Gottheit einen Cobrakragen, und es gibt hier auch Schlangen, die mit Milch gefüttert werden.


Wir schließen mit einem Kamelritt ab, der bei einigen Sanddünen im Sonnenuntergang endet. Perfect Timing.


Fast noch besser gefällt mir, dass abends am Zug mein neues Hemd auf mich wartet. Dazu mein altes frisch gebügelt. Scheinbar alles im Preis inbegriffen.


Zurück geht´s nach Jodhpur, die Sicherheitsregeln kennen wir ja schon. Wir plauschen mit dem Schaffner (es ist derselbe wie bei der Hinfahrt), lernen von ihm indische Zahlen (zumindest schreibt er sie in mein Tagebuch), erfahren seinen überdurchschnittlichen Monatslohn (300 DM).


11.1.94 wieder in Jodhpur


Wir haben Lust auf Sonne, Sand, Meer und Palmen. Ein Blick auf die Landkarte zeigt uns Ubhrat als nächstliegendes Ziel, wir verwerfen den Gedanken nach ... zu fliegen.


12.1.94


Von Jodhpur geht´s über Ahmedabad und das fürchterliche Surat (in der Stadt brach übrigens kurz nach unserem Besuch die Pest aus...). Die letze Strecke legen wir mit dem Bus zurück.


Sonne, Palmen, Strand? Ja! Baden? Nein! Hier gibt's es gefährliche Strömungen, es badet niemand. Mal wieder sind wir die einzigen Europäer. Wir geniessen einen Sonnenuntergang am arabischen Meer, einige ruhige Nacht (von ein paar unbekannten Geräuschen abgesehen) - wir haben ein ganzes Haus für uns.


13.1.94


Weiter geht´s nach?


Tja, hier war ich nachlässig im Tagebuch führen und vergesslich bin ich auch :-).


14.1.94 Ajanta


Mein neuer Kugelschreiber ist mir vom Mann neben dem Zeitschriftenstand GESCHENKT worden (Wert ca 2 Rs). Er ist Grundschullehrer. 80% der Kinder kommen in die Schule. Zu entrichten sind ca 15 Rs/Monat für die erste, 80 für die zehnte Klasse. Er ist geschockt von den Preisen in Deutschland (ich nehme Bananen und eine Zugfahrt als Referenz). Ein Ingenieur verdient in Indien 6000 Rs (nur 360 DM!).


Wir haben heute die Höhlen in Ajanta besichtigt. Der Fluss hat sich in den Fels gegraben und macht eine erstaunliche 180 Grad Wendung. Verständlich, dass Mönche diesen Ort heilig fanden. Sie haben daraufhin mehr als zwanzig Höhlen in den Fels geschlagen. Wow. Noch mehr wow ist, dass die sinnenfrohen Gemälde noch nach 2000 Jahren erhalten sind! Damals war Buddha noch das Thema.


Ajanta bietet auch jede Menge anderer Steine, Kristalle genauer gesagt. Ein kleiner Einschluß ist für 10 Rs zu haben (handeln gehört natürlich wie immer zum Spiel).


Wir treffen einen recht netten Engländer. Zu Hause bekam er keinen Job, also entschied er sich zu reisen und finanziert sein Leben mit Berichten von seinen Reisen.


Zuerst war er 4 Monate in Afrika, das er genauso hasst wie Indien. Zumindest ist das seine Weise mit dem Streß umzugehen. Nach dem Essen in Afrika befragt, beschreibt er dies als Weg satt zu werden, Geschmack wäre nicht vorhandener Luxus.


Von ihm stammen auch der Ausspruch, dass Inder zwar in der Lage seien Tolles zu erbauen, aber wohl weniger, es auch zu erhalten. Der Snobismus gipfelte in der so amüsierenden wie schockierenden Frage an den aufdringlichen Postkartenverkäufer: „Have you ever been in New York?“ Natürlich beherrscht der Verkäufer nur die wenigen für Transaktionen nötigen Vokabeln...


Ellora haben wir ausgelassen. Wir haben noch eine schöne gemeinsame Fahrt nach Aurangabad, wo wir auf den Zug nach Aurangabad warten.Der letzte Tag kommt.


Geschafft: Wir sind in Bombay (Mumbay) angekommen, das Wetter ist fantastisch, wir haben keinen Smog, obwohl dieser hier sonst besonders schlimm sein soll. Liegt wohl am Seewind.


Wir haben eigentlich kein Geld ausgegeben und schlendern durch ein paar Shops, stellen fest, daß man vieles besser in der Region kaufen kann, in der es hergestellt wird.


Abends geht´s zurück nach Deutschland. Als wir gefragt werden „Indish or Co...“ unterbrechen wir direkt mit „CONTINENTAL!!!“. Zurück auf heimischem Boden möchten wir diesen am liebsten papstgleich küssen.


Wir waren in diesem Urlaub noch sehr unerfahren, hatten wenig Zeit, es war ein „Kulturschock“. Ich glaube zu unserer Erholung gehörten auch Sätze wie: „Nie wieder Indien“. Mittlerweile denken wir schon darüber nach, mehr Indien oder zumindest Asien zu erkunden. Wir haben nun auch mehr Reise-Erfahrung.